Unveränderlichkeit, Handhabung, Bäume
Chris Lee, FRAUD (Audrey Samson and Francisco Gallardo)
  • Conversation

Immutable: Designing History ist ein neues, vom [niederländischen Kurations- und Publikationsprojekt] Onomatopee veröffentlichtes Buch des Grafikdesigners und Pädagogen Chris Lee. Es folgt einer thematischen Genealogie des Dokuments – dem banalsten Genre im Grafikdesign – und dessen Verschränkung mit Staatskunst und Kolonialismus/Kolonialität. Das Buch wirft die Frage auf: Was wäre, wenn sich die Pädagogik der Designausbildung nicht um Logos, Webseiten, Bücher und Apps, sondern um das Dokument selbst drehen würde, z.B. um Geld, Reisepässe, Grundbücher, Geburtsurkunden und so weiter? Eine solche Spekulation ist nicht daran ausgerichtet, neue "Best-Practice"-Curricula vorzuschreiben, sondern klagt die Verschränkung des Grafikdesigns mit der quasi-apokalyptischen Konsequenz des kolonialen Staats und des kapitalistischen Unternehmens an. Beides sind bürokratische Regime, deren dokumentarische Artefakte eine onto-epistemische Täuschung verwirklichen, indem sie dichte und plurale Welten wie selbstverständlich in die Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten verflachen. Das ist über eine Zeitfolge von grob 5000 Jahren nachvollziehbar, in denen sich die Entwicklungen in Geld und Schrift überlappen – von mesopotamischen Tontafeln hin zu Blockchain-Konten. Unveränderlichkeit figuriert also als Design-Imperativ und als Hermeneutik für (materielle, technologische, mörderische und administrative) Techniken der Verbriefung gegen die Entropie des Dokuments im Lauf von Zeit, Raum und Disput. Auf der in Immutable gebotenen Grundlage kann darüber spekuliert werden, welche Rolle Design darin haben kann oder nicht, koloniale und kapitalistische Arten des Wissens und Erinnerns zu dekonstruieren, ihnen entgegenzutreten oder sie gar zu tilgen.1 Des Weiteren soll das Buch die Kontingenz und Veränderlichkeit dieses kolonialen und kapitalistischen Wissens und Erinnerns anerkennen und betonen, indem Praktiken und Lebensweisen erkundet werden, die sich dagegen widersetzen.

Chris Lee is a graphic designer and educator based in Buffalo and Brooklyn, NY. He is a graduate of OCADU and the Sandberg Instituut. His research/studio practice explores graphic design’s entanglement with power, standards, and the document. Chris is an Assistant Professor in the Undergraduate Communications Design Department at the Pratt Institute.

FRAUD is a UK-based métis duo of artist/researchers.

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    Obwohl die Tilgung – englisch obliteration – tendenziell auf materielle Zerstörung verweist, soll der Begriff hier eher den Zustand nahelegen, vergessen worden zu sein: oblivion, Vergessen, als Gegenteil des Erinnerns – ähnlich des französischen oublier, vergessen.